Erzähl mir mehr … 

Mit Märchen hat es angefangen. Die habe ich als Kind auf 45‘ Single-Schallplatten gehört. Gehört, gehört, gehört, bis ich sie auswendig kannte. Mitsamt des schönen alten Deutsch der Brüder Grimm. Das war wohl ähnlich stilbildend wie später Martin Luthers Bibeldeutsch und Gustav Schwabs Mythen- und Sagen-Erzählton. Kurz: Ich liebe alles, was gut erzählt ist. Und ich erzähle selbst. Anfangs waren es Geschichten für Jugendliche, Jugendbücher. Dann eine achtbändige Roman-Serie im Fantasy-Stil, die die Mythen der Griechen und Römer neu erzählte. Seit der Jahrtausendwende nun stehen Bibelerzählungen im Mittelpunkt meines Engagements. Ich lese, schreibe, lehre und gestalte Tagungen und Seminare rund um die Bibel. 

Meine Bibel-Erzähl-Philosophie im Kurzporträt

Gott, wie er mir in der Bibel und dann besonders in biblischen Geschichten begegnet, ist mir für mein Leben existenziell wichtig: eine Bereicherung, eine Hoffnung, ein Halt. Ich freue mich daran, dass dieser Gott es nicht mit den Großen und Mächtigen hält, dass er nicht auf das Äußere schaut oder auf die Werke, sondern dass er die Herzen ansieht. Ich freue mich daran, dass er sich in einem Hauch offenbaren kann, einem sachten Sausen. Und dass er gegen alle Hoffnungslosigkeiten ein „Trotzdem“ setzt. 

Ich möchte, dass Kinder und Jugendlichen diesen Gott kennenlernen – als eine Alternative zu den Werten und Gesetzen ihrer Lebenswelt – als den ganz Anderen, einen, der verlorene Menschen sucht und selbstgerechte Menschen stört und der bei all dem immer ein Geheimnis bleibt, nicht käuflich, nicht begreifbar, nicht begrenzbar. Ja, es ist dieser besondere Gott, um den es mir geht. 

Die Bibel ist voll von ihm. Die Bibel  ist das Buch der Erfahrungen mit diesem Gott, sie ist eine Sammlung von Lieder und Geschichten, die etwas von ihm aufbewahren. Die Lieder leihen mir Sprache – für meine Sehnsucht nach ihm; die Geschichten zeigen mir Menschen, Menschen wie ich einer bin, Menschen – die Gott in verschiedener Weise begegnen, ihn erleben, erfahren. Das, denke ich manchmal, haben sie mir voraus … Wie dem auch sei. 

Die Bibelgeschichten scheinen leicht zugänglich. Sie sind nicht schwer. Was da von Menschen erzählt wird, verstehen wir unmittelbar, über die Jahrhunderte hinweg. Liebe und Hass, Mut und Angst, Eifersucht, Ehrgeiz, Treue, Vertrauen und Vertrauensbruch, Enttäuschung, Hoffung … - ja, da können wir eintauchen. Da können wir mitreden. Das ist ganz unser. 

Anders ist es mit Gott: Wie kommt er da vor, in diesen Geschichten? Wie ein Mensch, nur größer … Er fühlt, spricht, handelt wie ein Mensch. Das mag uns dazu verführen, auch diesen Teil der Geschichte für einfach zu halten. Aber das ist es nicht. 

Gott in diese Geschichten hineinzuerzählen, muss schwierig gewesen sein – ist Gott selbst doch unfassbar, unbegreiflich – auf jeden Fall viel größer als jede Geschichte. Aber was anderes hätte man tun können, als es zu versuchen? Gab es doch Erfahrungen mit Gott, die bewahrt und weitergegeben werden sollte. Man erzählte ihn in Geschichten. Dadurch wurde er kleiner. 

Lange Zeit haben Menschen, die selbst mit Gott aufwuchsen, wohl intuitiv verstanden, dass der Gott in den Geschichten „ein Schatz in irdenen Gefäßen“ war. Dass sie ihn größer denken mussten, dass sie ihn wieder herausholen und neu erfahren mussten. 

Heute ist dieses Wissen verloren gegangen. Weitgehend. Und die Menschen, denen Sie von ihm erzählen, haben ein doppeltes Problem: 

Man hat ihnen die Geschichten bereits als „leichte Geschichten“ erzählt, sie haben sich daran gewöhnt, dass Gott in ihnen klein ist. Und dass er zu ihnen nicht spricht. Sie halten die Geschichten für belanglos für ihr Leben. 

Und: Sie haben in ihrer Lebenswelt nur wenig eigene Erfahrung mit Gott. Trotzdem sind sie auf der Suche. Fragen Sie mal, was Ihre Kinder und Jugendlichen an Reli und Konfer interessiert: Gott zuallererst. 

Ich komme zu dem, was wir machen müssen: Wir müssen anders erzählen. Wir müssen die Bibelgeschichten von ihrem Nimbus befreien, als seien sie leicht und belanglos. Wir müssen sie als das erzählen, was sie sind: Geschichten mit Gott. 

Ja, meine Damen und Herren: Jede Bibelgeschichte – so spannend sie als Menschengeschichte sein mag: Sie ist im Kern eine Geschichte mit Gott, und so müssen wir jede Bibelgeschichte erzählen: als Begegnung des Menschen mit dem Unerwarteten, Unverfügbaren, ganz und gar Anderen! Und diese Begegnung ist nicht fotografiert und nicht protokolliert worden, sie wurde nachträglich sehr bedachtsam in Worte und Bilder gefasst. Denen gilt es erzählend auf die Spur zu kommen – und ihnen hörend und reflektierend nachzuspüren. 

Dazu habe ich drei Regeln: 

Subjektiv

Es gilt, sich die Geschichte „auszuleihen“. Ich war nicht dabei, als sie erlebt, als sie erzählt wurde. Das muss deutlich werden. Ich bin kein allwissender Erzähler. Ich weiß nicht, was „wirklich geschehen“ ist. Trotzdem ist mir diese Geschichte wichtig und ich erzähle sie, weil ich etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Ich muss den Hörern diese meine Rolle deutlich machen (die sich übrigens von der der Bibelerzähler insofern nicht unterscheidet, als sie auch nicht als Augenzeugen dabei waren – nur, dass die das in der Regel keineswegs deutlich machen!) 

Deutlich

Es gilt informiert zu erzählen und informierend: Ich muss wissen, um was für eine Geschichte es sich handelt, in welchem Kontext sie zuerst erzählt wurde, welche Deutungen sie geformt haben, welche Erzählabsichten. Ich muss meinen Hörern so viel davon mitteilen, dass sie nicht von Missverständnissen abgelenkt werden. 

Offen

Es gilt offen zu erzählen. An der Stelle, wo Gott ins Spiel kommt, wo sie die Begegnung ereignet, trete ich zurück. Da entstehen Fragen – da wird nicht mehr erzählt, sondern gesprochen, diskutiert, gefragt, gesucht – wir sprechen heute von „Theologisieren“.